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SoZ-Homepage SoZ - Sozialistische Zeitung, März 2007, Seite 24

Karin MichaŽlis (1872—1950)

Schriftstellerin & Aktivistin für Menschenwürde

Vor 80 Jahren entstand die Kinderbuchheldin Bibi

1910 wird die Dänin Karin MichaŽlis mit einem Schlag weltberühmt: sie hat es gewagt, eine rund 40-jährige Frau zur Protagonistin ihres Romans Das gefährliche Alter zu machen, von nun an das Synonym für die Wechseljahre. Mit ihren mehr als 50 Romanen war sie besonders in Deutschland sehr angesehen, ab 1933 nahm sie Flüchtlinge aus Nazideutschland bei sich in Dänemark auf. Schon vorher war sie vielfältig sozial und politisch engagiert. Nach Jahren im Exil in den USA stirbt sie verarmt und bald auch weitgehend vergessen 1950 in Kopenhagen.Es fällt schwer, in wenigen Sätzen zu umreißen, wer Karin MichaŽlis war. Fangen wir also am Anfang an. Am 20.März 1872 in der Kleinstadt Randers in Jütland, Dänemark geboren, mit 16 Lehrerin auf der Insel LśsÝ, mit 18 Musikstudentin in Kopenhagen, mit 20 Gattin des Dichters Sophus MichaŽlis und bald seine anerkannte Kollegin. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts über die Grenzen Dänemarks bekannt mit dem Roman Das Kind über ein sterbendes pubertierendes Mädchen, das aufgrund zu deutlicher Schilderung der aufkeimenden Sexualität in den USA nur zensiert erschien. 1910 der weltweite Durchbruch mit Das gefährliche Alter, der Begriff für die Wechseljahre ist geprägt, zum ersten Mal wird eine Frau mittleren Alters zur Protagonistin eines Romans. Sie unternimmt Vortragsreisen zu diesem Buch, wird angefeindet, karikiert, verspottet. Dies ist jedoch ihr Eintritt in die Welt. Sie wird zur wahren Kosmopolitin. Sommer und Herbst verbringt sie in Dänemark, hier schreibt sie ihre Bücher, verfasst Artikel, ist politisch und sozial aktiv. Im Winter unternimmt sie ausgedehnte Vortragsreisen. In den frühen 10er Jahren trifft sie ihre engste Freundin und Seelenverwandte, die Wiener Schulleiterin, Aktivistin und Salondame Eugenie Schwarzwald. Durch sie trifft sie einige der bedeutendsten Künstler dieser Zeit, Arnold Schönberg und Oskar Kokoschka (die beide eine Weile an der Schule unterrichteten), Adolf Loos, aber auch junge Talente wie die Schwarzwaldschülerin Helene Weigel, überragende Schauspielerin und Frau Bertolt Brechts.
Frauen sind fast immer die Protagonistinnen ihrer Bücher, in äußerst spannend zu lesenden Konstellationen spielt sie alle möglichen Varianten von Frauenleben durch. Dabei geht es um Selbstbestimmung, gesellschaftliche Zwänge und Sexualität. Sie durchlebt die Geschichten, die sie schreibt, arbeitet oft mit der Technik des "inneren Monologs", der erst viel später an Autoren wie Virginia Woolfe und James Joyce festgemacht werden sollte. Das Lesen von Romanen beschrieb sie einmal als eine Art Seelenwanderung, man kriecht sozusagen in andere Menschen hinein und wird sie selber, wenn man sie liest. Ebenso scheint es ihr beim Schaffen von Romanen ergangen zu sein. "Man geht in ein Buch, wie man sich in den Zug setzt ... Man macht die Tür zu, und schon ist man da." Mehr als 50 dieser Bahnreisen hat sie vollzogen, gelungene, zeitlos spannende, und weniger gelungene, die sie selber bald im Nu wieder vergisst.
Keine der Figuren ihrer Bücher jedoch wird so lebendig wie Bibi, ihr literarisches alter ego in der Gestalt eines etwa neunjährigen dänischen Mädchens. 1927 erschien der erste Band dieser Kinderbuchreihe in den USA. Die dänische llustratorin Hedwig Collin hatte das Buch angeregt, es sollte eine unterhaltsame Länderkunde Dänemarks für Kinder werden. 1928 kommt Bibi nach Deutschland. Es wird ein Kultbuch, bis 1938 erscheinen insgesamt sechs Bände, in denen Bibi langsam größer wird. Bibi wird Vorbild für eine ganze Mädchengeneration. Sie kennt keine Furcht, bestimmt sich selbst und, wann immer sie dazu Lust hat, geht sie auf Reisen. Ihre Mutter, eine geborene Komtesse, ist tot, der Vater ist Stationsvorsteher (daher kann Bibi auch gratis reisen). Bibis Geschichte ist fiktiv, die Welt, die sie für sich entdeckt und erkundet, ist jedoch real. "Warum sollte Bibi alle ihre Abenteuer in Dänemark erleben? Warum nicht in Ländern, nach denen ich mich schon immer gesehnt habe?", so Karin MichaŽlis. Bibi missachtet Grenzen, soziale und nationale. Von der Welt, die sie erkundet, wird sie offen aufgenommen. Sie will die Welt verändern. Sie verliebt sich, aber wir wissen, dass die erwachsene Bibi sich nicht in einer konventionellen Hausfrauen- und Mutterrolle zurechtfinden würde — so wie die Protagonistinnen anderer "Mädchenbücher" ihrer Zeit.
Gemeinsam mit der Illustratorin Hedwig Collin reist Karin MichaŽlis durch das Deutschland der späten 20er Jahre, der zweite Band Bibis große Reise führt Bibi in das Deutschland der Weimarer Republik. Bibi erlebt die Spielwarenindustrie in Thüringen, sieht in Idar-Oberstein wie man Diamanten schleift, in Berlin erklärt ihr Albert Einstein die "Rillativitätstheorie" (Orthografie ist eine der Schwächen Bibis), bevor sie die Odenwaldschule in Hessen besucht. Der spätere Widerstandskämpfer Helmuth James von Moltke zeigt Bibi die furchtbaren Lebensumstände der Arbeiter in der schlesischen Stadt Waldenburg. Diese Missstände prangert Karin auch in mehreren Zeitungsartikeln an. In den weiteren Bänden reist Bibi in die Tschechoslowakei und Polen. Doch dann kehrt sie nach Dänemark zurück.
Schon kurz nach der Machtübernahme Hitlers nimmt Karin MichaŽlis Flüchtlinge bei sich in Dänemark auf. Zeitlebens zwischen den Stühlen, keiner Ideologie verpflichtet und an mehreren Orten zu Hause, weiß sie, wogegen sie sein muss. Goebbels versucht die populäre "nordische" Autorin zu gewinnen, sie kontert mit der Bedingung, dass sie gerne ein Buch für einen Naziverlag schreiben würde, jedoch nur über ein jüdisches Kind und der Erlös soll doch bitte an die jüdischen Naziopfer gehen. Bertolt Brecht und seine Familie wohnen ein halbes Jahr bei ihr auf ThurÝ, bis sie im nahen Svendborg ein Haus kaufen. Bis 1939 sind ihre Bücher in Deutschland erhältlich, dann werden sie verboten, die Autorin wird als "individualistisch, pazifistisch und extrem judenfreundlich" eingestuft.
Ihre Freundin Eugenie Schwarzwald wird 1938 aus Wien vertrieben, ihre Schule geschlossen, ihr Lebenswerk zerstört. Sie stirbt 1940 in Zürich. "Mein Leben hörte auf mit ihr", schrieb Karin kurz vor ihrem Tod. Sie selbst kann 1939 nicht mehr von einer Amerikareise zurückkehren. Die Bibi-Bücher sind mittlerweile allein in Deutschland mehr als 100000 mal verbreitet, in mehr als 20 Sprachen übersetzt (darunter auch Hebräisch), viele der Leserinnen und Leser emigrieren (im Nachlass der Autorin haben sich mehr als 150 Kinderbriefe an Karin und Bibi erhalten), einige werden ermordet. Bibi war real geworden für die Leserinnen, 1939 sollte Bibi die New Yorker Weltausstellung "The World of Tomorrow" besuchen. Diese beginnt zeitgleich mit dem Zweiten Weltkrieg.
Karin wollte sich wohl das weitere Schicksal Bibis nicht weiter ausmalen. Bis 1946 ist sie im Exil, mehr als acht Monate davon bei den Brechts in Kalifornien. Sie ist immer wieder schwer krank und die finanzielle Abhängigkeit fällt ihr, der die Geberrolle so sehr vertraut war, sehr schwer. Im Dezember 1943 schreibt sie an Freunde: "Ich habe viel zu tun und gebe meine ganze Kraft dazu um die Juden herauszubringen bevor Hitler erreicht hat sie alle zu ermorden. Ich spreche im Radio an Banqueten, soll Vorlesungen geben und schreibe. Ich tue was ich kann. Es ist dieses, für mich, das allerwichtigste von Fragen. Wir können etwas mehr als eine Million retten — eine Million unschuldiger Männer, Frauen und Kinder. — Mein Herz zittern Tag und Nacht. Sollte ich eines Tages herumfallen und tot sein, dann wisst die Ursache ist trauer wegen den Juden."
Bei ihrer Rückkehr nach Dänemark 1946 ist sie immer noch eine bekannte Persönlichkeit, 1948 muss sie ihre beiden Häuser auf ThurÝ verkaufen, da sie auch für die Zeit, in der sie im Exil gewesen war, Steuern zahlen muss. Anfang 1950 stirbt sie in einer kleinen Pension in Kopenhagen.
Ihre Welt existiert nicht mehr. Ihre Bücher lange Zeit verboten, viele davon von Kriegsbomben zerstört. "Wie konnte man es nur über sich bringen, ein Buch zu verbrennen? Das war gerade so, als ob man ein Haus anzündete, das voll Menschen war", schrieb sie einmal.
"Um Karin MichaŽlis war es schon eine geraume Zeit sehr still geworden", heißt es in einem Nachruf einer deutschen Zeitung. "Was sollen uns Reminiszenzen an versunkene Zeiten, da doch unsere Zeit Bücher fordert, die klarer und illusionsloser den Verfall der Menschlichkeit beschreiben?", heißt es darin weiter. Man wollte nicht daran erinnert werden, dass es auch Anfang der 30er Jahre Menschen gab, denen andere Menschen alles bedeuteten, die sich gegen diesen Verfall wehrten und ihn nicht einfach hinnahmen. 1950 war sie nicht mehr zeitgemäß, ihre Bemühungen um die Befreiung der Frau löblich aber obsolet, denn 1950 wird "niemand der Frau ihr Recht auf Eigenleben bestreiten. Im Gegenteil, der Erdrutsch von Kriegen und Revolution hat beide Geschlechter den gleichen Daseinsbedingungen unterworfen, ja er zwingt die Frauen dazu, ‘ihren Mann zu stehen‘". Aber ihre Art, die "Fragenhaltigkeiten zu sehen, ist heute zum Teil in einer gewissen Weise überholt, nicht anders, als dies auch bei der Schöpfung, etwa Strindbergs oder Ibsens der Fall ist."
In Bibi hat sie am meisten überlebt, auf vielen Umwegen blieb dieses kleine dänische Mädchen ebenso lebendig wie ihre Autorin es war. Ihre Welt kann man wieder kreuz und quer bereisen und in ihren "gleichaltrigen" und jüngeren Freundinnen hat sie eine neue Frauenwelt aufgebaut.
Karin MichaŽlis wird nach und nach wieder entdeckt, ihr literarisches Werk, lange als "Frauenliteratur" abgetan, neu bewertet. Ihre besondere Art des weiblichen Selbstbewusstseins, ihre vielfältigen sozialen und politischen Aktivitäten muten von heute aus betrachtet äußerst modern an.

Angela Huemer

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