| SoZ - Sozialistische Zeitung |
Das Weltsozialforum findet in diesem Jahr in Form eines weltweiten Globalen
Aktionstags am 26.Januar statt. Umfang und Themen der jeweiligen Aktionen werden vor Ort entschieden. Ein
Höhepunkt der Aktionen wird Mexiko sein.
In Wirklichkeit ist der "Día de
Acción Global" ein etwas verspätetes 1.Mexikanisches Sozialforum: An die 250 Veranstaltungen
finden zwischen dem 22. und 26.Januar allein in Mexiko-Stadt statt. Doch auch die Landbevölkerung ist
involviert, sie organisiert zwei Märsche, die beide in die Hauptstadt führen: einen von der
Grenze zu den USA, und einen aus dem heißumkämpften Bundesstaat Oaxaca. Die beiden Märsche
werden zwar nie aufeinanderstoßen, weil der aus dem Norden erst gegen Monatsende die mexikanische
Hauptstadt erreichen wird. Sie verfolgen dennoch das gleiche Ziel: "Sin maíz no hay
país" lautet ihre Parole. Sie wendet sich einerseits gegen die am 1.Januar in Kraft getretene
letzte Stufe des Freihandelsabkommens NAFTA, andererseits gegen den Export des traditionellen
Grundnahrungsmittels Mais zur Herstellung von Ethanol in die USA.
Zum Globalen Aktionstag am 26.Januar wird
es in Mexiko eine massive Mobilisierung geben. Das ist aber nicht nur Tlaltecutli, der aztekischen
Erdgöttin, zu verdanken, deren blumenumkränztes Standbild bei der Eröffnungszeremonie
enthüllt wird. Es ist vor allem auf die innenpolitische Lage in Mexiko zurückzuführen, die
sich seit Monaten wie ein Gewitter über den Köpfen der 80 Millionen Mexikaner zusammenbraut.
Fast täglich verschwinden
Bauernführer, werden Menschen aus politischen Gründen verhaftet. Zum erstenmal seit 1995 ist die
Armee in Chiapas wieder voll einsatzfähig, wobei die Regierung Calderón im Augenblick die
Drecksarbeit eher den paramilitärischen Parteigängern der PRI überlässt jener
Partei, die das Land 70 Jahre hindurch im Alleingang beherrschte. Das ist der Grund dafür, dass sich
Subcomandante Marcos von den Zapatisten seit etwa einem Monat zusammen mit seiner Gefolgschaft in den
Urwald der Lakandonen zurückgezogen hat.
Aus dem gleichen Grund kommt dem Thema
Menschenrechte beim Global Action Day ein besonderer Stellenwert zu. Bei der Eröffnung ergreift nicht
nur Rosario Ibarra, jahrzehntelang Vorkämpferin für die Angehörigen der Verschwundenen aus
der Zeit der PRI-Regierung, das Wort, sondern auch Doņa Trini, die Frau des Anführers der Bauern von
Atenco, die sich vor etwa zwei Jahren erfolgreich gegen den Bau eines neuen Flughafens im Umkreis von
Mexiko-Stadt zur Wehr gesetzt haben und diesen politischen Sieg mit einer der brutalsten Repressionen in
der Geschichte des Landes bezahlen mussten. Ihr Mann, Ignacio Ramírez, wurde nach einem Schauprozess
zu sage und schreibe 67 Jahren Haft verurteilt.
Mexiko war auf den Weltsozialforen, die von
Porto Alegre bis Nairobi stattgefunden haben, bislang eher schwach vertreten. Warum spielt das Land in
diesem Jahr auf einmal für das WSF eine so große Rolle? Dafür gibt es mehrere Gründe:
Die meisten Bewegungen fürchten,
dass sie beim großen Krach, der hier im letzten Amtsjahr von George Bush allgemein erwartet wird,
allein zu schwach sein werden, um gegen die zu erwartende Repressionswelle erfolgreich Widerstand leisten
zu können.
Das WSF stellt für die meisten
Aktiven innerhalb der mexikanischen Linken so etwas wie eine supranationale, teilweise etwas imaginäre
Kraft dar, die in der Lage sein könnte, eine Brücke zu schlagen zwischen der politischen Bewegung
um Andres Manuel López Obrador von der PRD, der im Juli 2006 offensichtlich Opfer eines Wahlbetrugs
wurde, und den Organisationen der "Otra Campaņa", die in den Zapatisten ihren Referenzpunkt
sehen: beide Strömungen sollen nun ihre politische Basis zu Wort kommen lassen.
Nicht zu unterschätzen ist in
diesem Zusammenhang, dass der linkspopulistische Bürgermeister von Mexiko-Stadt zwar spät, aber
doch auf den fahrenden Zug aufgesprungen ist und das viertägige Event nach Kräften
unterstützt.
Und, last but not least, ist der zu
erwartende Erfolg dem politischen Geschick der Organisatoren dieses Megaevents von der Universidad
Autónoma de la Ciudad de México (UACM) zu verdanken, die von vornherein keine politische
Führungsrolle beansprucht haben, sondern vor allem die Schaffung von Netzwerken zur ihrer
Handlungsmaxime gemacht haben.
Das in neun Hauptachsen gegliederte
Programm ist vielversprechend. Neben "Militarisierung und Menschenrechte", "Erziehung und
Gewerkschaft", "Recht auf Kommunikation" werden die "Krise der Zivilisation und das
Ende des Neoliberalismus" und die "Rechte der Frauen und Jugendlichen" behandelt. Auf dem
Hauptplatz in der Mitte der Stadt, dem Zócalo, wird ein großes Zelt errichtet, in dem
verschiedene Foren stattfinden zu Themen wie "Land, Indigene Völker und Autonomie",
"Eine andere Umwelt ist möglich", "Das Recht auf die Stadt und ein
menschenwürdiges Wohnen", "Solidarwirtschaft". Letzterem kommt ein ganz besonderer
Stellenwert zu. All das wird umrahmt von einem populären Kulturprogramm und einem Festival des
politischen Dokumentarfilms.
Kurzum: Mexiko kann für den Global
Action Day eine große Überrraschung werden.
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Der Stand der Dinge Perry Anderson überblickt den westpolitischen Stand der Dinge Gregory Albo untersucht den anhaltenden politischen Erfolg des Neoliberalismus und die Schwäche der Linken Alfredo Saa-Fidho verdeutlicht die Unterschiede der keynsianischen und der marxistischen Kritik des Neoliberalismus Ulrich Duchrow fragt nach den psychischen Mechanismen und Kosten des Neoliberlismus Walter Benn Michaelis sieht in Barack Obama das neue Pin-Up des Neoliberalismus und zeigt, dass es nicht reicht, nur von Vielfalt zu reden Christoph Jünke über Karl Liebknechts Aktualität | ||||