SoZ Sozialistische Zeitung

Zur SoZ-Homepage SoZ - Sozialistische Zeitung, Dezember 2003, Seite 24

Begriffe sind Kampfplätze

Frigga Haug über das historisch-kritische Wörterbuch des Feminismus

Vor kurzem ist im Argument-Verlag der erste von zwei Bänden eines Historisch-Kritischen Wörterbuchs des Feminismus erschienen (Band 1: »Abtreibung bis Hexe«, 700 Seiten, 19,50 EUR). Es sammelt in separater Veröffentlichung jene Begriffe des großen, 15-bändigen Historisch-Kritischen Wörterbuchs des Marxismus, die sich um den Feminismus bemühen. Frigga Haug, die Herausgeberin des Wörterbuchs, hat auf einer Lesereise das Projekt vorgestellt und uns Auszüge ihres sprachlich leicht überarbeiteten Vortrages zur Verfügung gestellt.
Ein Hintergrund dieses Werkes ist die in den letzten zwanzig Jahren — genauer genommen seit 1989 — heftig voranschreitende Geschichtslosigkeit: »Wer die Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen«, zitiert Martha Gimenez (Colorado), eine der Autorinnen in dem hier vorzustellenden Wörterbuch als Mahnung für das Projekt. Das Wörterbuch ist ein Versuch, für den Feminismus, für die Bewegungen der Frauen, Erreichtes zu bewahren. Auch ich denke wie viele andere, dass es die Frauenbewegung nicht mehr gibt.
Ursula Huws, eine andere Wörterbuch-Autorin, schreibt: Der Feminismus wird aber wiedergeboren werden, wenn es wieder eine Frauengeneration gibt, die durch ihre Unterdrückung wütend genug wurde, um ihre Befreiung politisch zu erkämpfen. Bis dahin ist es unbedingt nötig, die Arbeit der Vorhergehenden zu dokumentieren, damit auf ihr aufgebaut werden kann, um nicht nochmals alles von vorn zu beginnen. Dieses Wörterbuch enthält Inspirationen und Ressourcen für das Voranschreiten.

Geschichtslosigkeit

Der Umgang mit sozialen Bewegungen ist notorisch abscheulich. Zunächst seit 1945, dann seit 1989 wird daran gearbeitet, die Vergangenheit schnell ins Vergessen zu schieben — alle möglichen Menschen sind verwundert und kennen sie nicht mehr —, und bei den Herrschenden gibt es natürlich das Interesse, die Bewegungen vergessen zu machen. Das gilt für die Arbeiterbewegung, aber noch viel mehr für die Frauenbewegung.
Wenn ich mich selbstkritisch zurück erinnere, ist es so gewesen, dass wir in der zweiten Frauenbewegung — also der Nach-68er-Frauenbewegung, der ich von Anfang an angehörte — sehr, sehr negativ auf die erste Frauenbewegung, die Bewegung in den 20er und 30er Jahren geblickt haben. Zwischen uns gab es einen Abgrund des Schweigens und Nichtzurkenntnisnehmens, auch eine Art von Betretenheit, dass wir in den Fußstapfen dieser Frauenbewegung, die wir für bürgerlich, langweilig, abgeschmackt hielten, traten. Wir setzten diese Frauenbewegung auf die Abschussliste — und wandten uns radikal neuen Schritten zu: Auch wir hatten keine Geschichte.
Diese Haltung hat uns eingeholt. Unsere Töchter und Enkel gähnen, wenn sie Frauenbewegung hören — so was Altmodisches und Fehlgeleitetes; damit will keine was zu tun haben — und die Frauen rutschen wie eh und je ins Abseits des Unwesentlichen. In der deutschen Wochenzeitung Focus gab es Mitte der 90er Jahre einen großen Artikel: Da waren Bilder, die aus dem Playboy hätten stammen können — Mädchen, die halbnackt posierten: Die sog. New Babes. Und der Text lautete etwa so: »Lila Latzhosen- Veteraninnen, grauhaarige Mütter, frustriert und zu kurz gekommen: Ihr habt ausgedient. Die heutigen jungen Frauen wollen Spaß, Sex, Genuss — hier und jetzt.« Das war also der Zeitgeist, und ihn vorantreibend der Focus.
Wenn man das analysiert, sieht man, wie versucht wird, das zu spalten, was als Bewegung oder als Block oder als Gemeinschaft auftreten könnte. In diesen wenigen kurzen Worten könnt ihr sehen, wie Jung gegen Alt ausgespielt wird — also langweilig und frustriert gegen Spaß und Sex, unmodisch gegen modisch, tot gegen lebend — ohne dass es irgendwo Protest und Gegenwehr gab. Seither arbeiten die Medien daran, die Frauenbewegung ins Vergessen zu schieben, und es gibt kaum eine Tradierung. Das gilt nicht nur für die Frauenbewegung, sondern auch für den Marxismus. Das ist auch das Motiv des großen historisch-materialistischen Wörterbuchs (des Marxismus): Der Impuls, nach dem Zusammenbruch des Sozialismus alles aufzuheben, was irgendwie rettbar und tradierbar, brauchbar und in der Zukunft notwendig wäre.

Das Erbe

Was gibt es also zu erben? Die Frage setzt voraus, dass man das, was erst zu erkunden ist, irgendwie wenigstens als Ahnung hat, dass man irgendwie weiß, was bewegte Frauen getan haben, was sie gesucht haben, was sie bearbeiteten, in welche Felder sie gingen. Aufgenommen in dieses Wörterbuch ist feministisches Wissen, solang und soweit es daran gegangen war, den bürgerlichen, weißen, männlichen Wissenschaftsbereich, diesen ungeheuren Koloss zu untergraben, zu ergänzen, umzuwerfen und anderes Wissen an die Stelle zu setzen.
Das neue Wissen oder die Infragestellung alten Wissens kann man am leichtesten erkennen bei den Begriffen, die einen Vornamen haben, zum Beispiel feministische Rechtskritik, feministische Ethikdiskussion, feministische Theologie oder auch Frauenformen, Frauensprache, Frauenstudien, Feminismus selbst: Da hört man an jedem dieser Begriffe, dass sie etwas extra tun, dass sie sich sozusagen nicht in den Kanon einschreiben und dort subversiv tätig sind, sondern dass sie etwas Ergänzendes, etwas Kritisches machen.
Es gibt auch Zeugnisse von selbstbewussten Kämpfen wie Frauenbewegung selbst, Frauenemanzipation, Frauenarbeitspolitik, Frauenhäuser, Abtreibungskampagnen: Das sind alles Elemente, bei denen es einen feministischen Standpunkt braucht, um sie wichtig zu nehmen. Es gibt auch Eintragungen über das Bekämpftwerden wie z.B. Feminisierung der Armut, Hausfrau, Hausfrauisierung, Herrschaft, Hexen und Hexenverfolgung und ganz neu aufgenommen: Heteronormativität. Dann haben wir auch diese ganz neumodischen Begriffe aufzunehmen und zu diskutieren begonnen wie Gender Mainstreaming und Geschlechterdemokratie.
Man erkennt an diesen wenigen Nennungen, wie nötig dieses Wörterbuch ist. Es gibt 55 Artikel darin, und man wird sich schwertun, diese Begriffe in irgendeinem anderen Wörterbuch zu finden, sodass es wirklich eine einmalige historische Arbeit ist.
Aber warum Begriffe, und nicht einfach eine Geschichte schreiben? Ich beantworte die Frage, warum wir in 15 Bänden das Wörterbuch des Marxismus schreiben, das aus der Geschichte des Marxismus Befreiungsimpulse und natürlich auch das Schiefgelaufene, das den ungeheuren Horizont, den Marx aufgemacht hat, bewahren möchte, damit, dass immer kritisch vorgegangen wird, dass also in der Bewahrung immer Erneuerung stattfindet. Es gibt darin kein Stichwort, das einfach nachbetet, was irgendwo steht. Indem das Stichwort aufgearbeitet wird, wird es vielmehr kritisiert und weiter entwickelt. Benjamin nannte das rettende Kritik. Feminismus ist dabei kein Fremdkörper, sondern die endlich zu sich kommende Kritik, wie sie allem gilt. Marxistisch bedeutet also in diesem Sinn der Anspruch auf Befreiungswissen, als Wissen auch über Herrschaft und die Kämpfe dagegen und Kritik, die auf sich selbst zielt.
Ein historisch-kritisches Wörterbuch ist heute notwendiger denn je, weil die wichtigen Begriffe immer Zeichen und Orte von Kämpfen sind. Das heißt, wie die Begriffe gebildet werden, orientiert die Menschen auch im Alltag, und welche Begriffe aufgenommen werden zur Tradierung ist wiederum die nächste Orientierung. Deswegen handelt es sich um einen ungeheuren Kampf um Begriffe und einen Kampf von uns, unsere Begriffe einzuschreiben. Begriffe sind Kampfplätze, auf denen ausgetragen wird, was sich als herrschendes Wissen durchsetzt, indem wir austragen, wie wir eingreifen wollen und können.
In gewisser Weise sind Begriffe die Schlüssel, mit denen der Erkenntniszusammenhang in herrschaftlicher, aber auch in befreiender Absicht aufschließbar wird. Insofern ist die Auswahl wichtig, welche Begriffe eigentlich tradiert werden. Was an ihnen berichtenswert scheint, ist die Struktur von Herrschaftswissen selbst. Ohne Begriffe ist Frauengeschichte schweigsam bis zum Vergessenwerden. Die tradierte Geschichtsschreibung legt davon beredtes Zeugnis ab.
Wie haben wir unser Projekt begonnen? Wir haben weltweit Ausschreibungen gemacht, und auf diesen vielen Listen, die es gibt (materialistisch-feministische Liste, marxistisch-feministische Liste, sozialistisch-feministische Liste), angefragt, was für Begriffe die Teilnehmenden als wichtig und aufhebenswert erachten, welche wir bearbeiten sollten. Dann haben wir diese Vorschläge immerzu ergänzt und auf jeder Konferenz und Reise vorgestellt, was wir machen wollen, und gefragt, ob es weitere Begriffe, aber vor allem ob es kritische Autorinnen und Autoren gibt, und ob diese dann wiederum zu neuen Begriffen kommen. Dennoch haben wir wichtige Begriffe vergessen, wie Abtreibung und Differenz. Das ist keine Verschwörung, sondern die Unzulänglichkeit der Geschichte und der Subjekte.

Vielfalt und Pluralität

Geschrieben sind die 55 Begriffe von 45 Autorinnen und Autoren, darunter 7 Männer. Es sind sehr junge Autorinnen bis hin zu ganz alten aus der Bewegung, und sie kommen aus sieben Ländern. Die Stimmen sind aus unterschiedlichen Strömungen. So sind alle Strömungen im Buch drin, von der I. bis zur IV.Internationale, zur linken Sozialdemokratie und den Grünen. Alle schreiben mit am Diskurs. Es ist also nicht so, dass nur eine Linie von uns durchgesetzt oder durch Zensur oder Überarbeitung andere Linien aufgelöst wurden. Alle, die für sich in Anspruch nehmen, marxistisch- feministisch zu arbeiten und etwas beitragen möchten, können das tun. Die Kriterien sind: Alles, was gesagt wird, muss belegt werden; möglichst viel Originalton, damit man aus der Vergangenheit weiß, wie die Leute gesprochen haben; es muss argumentiert und nichts darf behauptet werden.
Ein Artikel hat im Schnitt zwanzig Spalten, das sind in etwa zwanzig A4-Seiten. Es gibt auch ganz wenige furchtbar lange Artikel, z.B. jener zum Begriff Geschlechterverhältnisse. Und dann gibt es ganz kleine, die drei bis fünf Spalten haben, das sind Begriffe, die nicht wirklich theoretisch ertragreich sind wie Gender Mainstreaming, Geschlechterdemokratie: Hier wird die Literatur zusammengetragen und damit hat sich das.
Der Nutzen dieses Buches sollte sein, es auch subversiv für politische und wissenschaftliche Praxis zu gebrauchen, in Erinnerung zu bringen, was die Frauen einmal getan haben, und dann selber voranzuschreiten. Es soll ein Baustein werden, der zum Leben gebraucht wird.

Frigga Haug

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