SoZSozialistische Zeitung

Zur SoZ-Homepage SoZ - Sozialistische Zeitung, Mai 2005, Seite 9

Kapitalismuskritik

Warum die neoliberalen Lehren irren und irren müssen

Landauf, landab behauptet sich die Doktrin, längere Arbeitszeiten sicherten Arbeitsplätze — wider alle Vernunft. Der gesunde Menschenverstand und die neoliberale Lehre driften an dieser Stelle deutlich auseinander. Alfred Krätzschmar erklärt warum.

Der große Irrtum unserer Zeit liegt darin,
dass wir die durch Verwendung von Maschinen
gewonnene Muße dazu verwenden,
noch mehr und noch schneller zu arbeiten.
Paul Morand

Die Erkenntnis obigen Zitats sei zunächst mit nüchternen Zahlen zu untermauert:

Die Summe des Arbeitsvolumens (Summe der geleisteten Arbeitsstunden) in Westdeutschland ging von 1950 bis 2004 um etwa ein Drittel zurück, während sich das Bruttoinlandsprodukt um das Fünffache erhöhte. Der Warenverkauf in In- und Ausland stieg dem Umsatz nach zwischen 1992 und 2002 in Westdeutschland von 1048 Mrd. DM auf 1326 Mrd. DM, bei einem Rückgang der Beschäftigung von 8,62 Millionen auf 6,39 Millionen. Diese Tendenz setzt sich fort, da immer mehr technische Erfindungen gemacht werden, die die lebendige Arbeit, also die des Arbeiters und Angestellten, ersetzt.
Laut Stern vom 16.Juli 2004 reichen 20% der arbeitsfähigen Menschen aus, um die gesamte Weltwirtschaft zu bestreiten. Mit anderen Worten: in hochentwickelten Industrienationen wie der unsrigen wird ein ständig wachsendes Konsumangebot mit immer weniger lebendiger Arbeit geschaffen.
Dies müsste logischerweise zur Folge haben, dass der Wohlstand in einem solchen Land kontinuierlich steigt. Eine solche Sicht ist nicht nur logisch, sondern auch wissenschaftlich unwiderlegbar.

Verschiedene Sichtweisen

Die erste Grundvoraussetzung dafür ist, dass der technische Fortschritt, die ständige Produktivitätssteigerung in der Wirtschaft ein solches für die Bevölkerung positives Ergebnis bringt, ist, dass die Wirtschaft ihre Hauptaufgabe darin sieht, die materiellen und ideellen Bedürfnisse zu befriedigen.
Die zweite Voraussetzung für den reibungslosen Absatz der ständig anwachsenden Konsumgütermengen ist, dass die Kaufkraft der Bevölkerung entsprechend dem Konsumangebot erhöht wird. Für den Laien ist das sog. »Badewannensystem« einleuchtend: Erweitert man den Zufluss (das Konsumangebot) und soll die Badewanne nicht überlaufen, muss man auch den Abfluss (Löhne, Kaufkraft) erweitern. Auch das ist logisch und für jeden Menschen einsehbar.
Legt man diese unwiderlegbaren Tatsachen zugrunde, dürften jedem denkenden Menschen die Äußerungen unserer Wirtschaftskapitäne, Manager und führenden Politiker, es müsse mehr, länger und schneller gearbeitet werden, wir müssten »den Gürtel enger schnallen«, wir hätten »über unsere Verhältnisse gelebt« als völlig absurd und jeder Logik widersprechend erscheinen.
Es ist schon kurios, dass bei ständig steigendem Konsumangebot die Menschen, die dieses Angebot erarbeiten, »den Gürtel enger schnallen« oder mehr und schneller arbeiten sollen, obwohl Millionen Menschen gleichzeitig aus dem Arbeitsprozess ausgeschlossen sind. Wieso hat die Bevölkerung »über ihre Verhältnisse gelebt«? Wenn das produzierte Warenangebot nicht einmal vollen Absatz findet? Lebt man nicht eher dann über seine Verhältnisse, wenn man mehr konsumiert, als man herstellen kann?
Warum aber äußern sog. Wirtschaftswissenschaftler und führende Politiker solch unverständliche Forderungen? Die Ursache dafür liegt einzig und allein im Vorhandensein und in der Beibehaltung einer sog. »freien Marktwirtschaft«.
In einer »freien Marktwirtschaft« wirken u.a. drei ökonomische Gesetze: das Gesetz der Profitmaximierung, das Gesetz der Konkurrenz und das Gesetz von Angebot und Nachfrage.
Dies bedingt, dass die führenden Ökonomen eine gänzlich andere Sichtweise auf die Wirtschaft haben als eingangs dargelegt. Sie gehen vom Unternehmer aus, nicht vom Lohnabhängigen. Unter kapitalistischen, marktwirtschaftlichen Bedingungen geht es nicht primär darum, mit erhöhter Konsumproduktion den Wohlstand der Bevölkerung zu mehren, sondern um die maximale Steigerung des Profits der Eigner der Wirtschaftsunternehmen; zugleich gilt es, im Konkurrenzkampf aller gegen alle bestehen zu können.
Für die Verwirklichung dieser Ziele hat die Politik günstige Rahmenbedingungen zu schaffen, also solche, die für die Wirtschaft maximale Gewinnmöglichkeiten eröffnen: Steuersenkungen für Unternehmen, Niedriglohnsektoren, Abschaffung des Kündigungsschutzes etc.
Deshalb sind in einem solchen Wirtschaftssystem solche offenkundig unvernünftigen Forderungen »vernünftig«, denn wo solche ökonomischen Gesetze am Werk sind, ist eine solche Sicht der Dinge notwendig. Profite steigen eben nur dann, wenn die Kosten gesenkt und die Produktivität erhöht wird. Solange der Mensch mit seiner Arbeitskraft ein Kostenfaktor ist, kann er nur Spielball der Eigner der Wirtschaft sein.
Gezwungen durch den Konkurrenzkampf auf dem freien Markt, bleibt dem Unternehmer aber keine Wahl: er muss alle Möglichkeiten der Produktivitätssteigerung nutzen, um im Existenzkampf bestehen zu können.

Der immanente Widerspruch

Eine derartige Entwicklung bei den Großbetrieben hat natürlich entsprechende Auswirkungen für Klein- und Mittelbetriebe. Hier zeigt sich deutlich das Dilemma einer kapitalistischen Marktwirtschaft. Es führt in der Perspektive zu einem Desaster, weil Profite einerseits und Löhne als Kostenfaktoren andererseits einen antagonistischen Gegensatz bilden. Steigende Löhne mindern den Profit, und umgekehrt.
Das »Wolfsgesetz« des Kapitalismus, wo es im Konkurrenzkampf um Sein oder Nichtsein geht, erfordert von den Unternehmen, ohne Wenn und Aber ihre Rentabilität und Rendite ständig zu steigern, wollen sie nicht im Kampf aller gegen alle untergehen. Im Rahmen der Globalisierung verlegen immer mehr Unternehmen ihre Betriebe in Billiglohnländer, um Kosten zu sparen. Diese Tendenz wird sich zwangsläufig fortsetzen, die Arbeitslosigkeit dadurch steigen und der Lebensstandard der lohnabhängigen Bevölkerungsschichten sinken.
Solange solche objektiven ökonomischen Bedingungen vorliegen, wie sie nunmal im Kapitalismus herrschen, ist jeder Appell an das Gewissen der Unternehmer, patriotischer zu sein, sozialer zu handeln, oder dass Eigentum verpflichtet (Art.14 Grundgesetz), völlig sinnlos. Die ökonomischen Gesetze der freien Marktwirtschaft wirken unabhängig vom Willen des Menschen. Wem diese Gesetze bekannt sind, der wundert sich nicht — nicht über die Arbeitslosigkeit, noch über die Forderungen der Unternehmervertreter, länger, schneller und billiger zu arbeiten, noch über Regierungsmaßnahmen we Steuersenkungen für Unternehmen oder die vielen sog. Reformen im Arbeits- und Gesundheitsrecht.
Selbstverständlich öffnet sich dabei die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter.

In der BRD betrug das Gesamtprivatvermögen
1991     2,2 Billionen DM
2002     3,6 Billionen DM

Davon besitzen:
    755.000 Millionäre = 1%   2,5 Billionen DM
75.000.000                = 99%  1,1 Billionen DM

Das Produktionsvermögen beziffert sich auf 3,5% Billionen DM. Es ist im Besitz von 6% der Bevölkerung, 94% gehen leer aus.
Den wahren, brutalen Charakter einer kapitalistischen Marktwirtschaft versucht man sprachlich zu verbrämen, indem man Wettbewerb statt Konkurrenz sagt, Freisetzung statt Kündigung oder Entlassung, oder von sozialer Marktwirtschaft spricht.
Es muss einmal ganz deutlich gesagt werden:
Wer in einem marktwirtschaftlichen kapitalistischen Wirtschaftssystem leben möchte und dazu noch in einer globalisierten Welt, der muss auch für die sich zwangsläufig daraus ergebenden negativen Erscheinungen Verständnis aufbringen und sie kritiklos hinnehmen. Er muss wissen, dass sie systemimmanent sind und nicht durch gute Worte oder Appelle behoben werden können.
In einem solchen Wirtschsftssystem führen die Maschinen, die lebendige Arbeit ersetzen, eben nicht zu mehr Freizeit, Muße, Freiheit sondern bei den Lohnabhängigen zu mehr Arbeitslosigkeit und Lohndruck, bei den die Maschinen besitzenden Firmen zu mehr Profit. Wäre das nicht so, hätten wir kein kapitalistisches Wirtschaftssystem.

Alfred Krätzschmar

Alfred Krätzschmar ist Diplom-Ökonom.



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